Zweite Recherchereise nach Qingdao, Juli 2019
Das gesamte künstlerische Kernteam bestehend aus 8 Personen hat eine 8 tägige Recherchereise nach Qingdao unternommen. Kernaufgabe war der Besuch eines Schattentheaterworkshops bei Cindy Choi, die durch die eigene familiäre Tradition zu einer der Koryphäen des Schattentheaters in Qingdao gehört. Ziel und Inhalt des Workshops war es sowohl den Bau einer Schattenpuppenfigur und das Spiel einer Schattenpuppenfigur zu erfahren, als auch die Musikalität des Genres, die Tradition, die Geschichte und die damit verbunden Mythen der chinesischen Kulturtradition zu erfahren. Ein besonders Highlight der Auseinandersetzung mit dem Schattentheater war die Möglichkeit die Aufführung der Familie von Cindy live vor Publikum zu sehen. Hier wurden die Kunstfertigkeit und auch die Geschwindigkeit und Präzision im Umgang mit dem Material deutlich. Ausgehend von dem Workshop fällten wir die Entscheidung das Lao Shan Gebirge östlich von Qingdao zu besuchen, da dort die Schauplätze der wichtigen und bekannten daoistischen Mythen sind.
Neben dem Workshop haben wir zahlreiche Museen und öffentliche Plätze besucht. Unumgänglich war ein ausführlicher Spaziergang durch die Innenstadt Qingdaos, wo es viele alte Gebäude und Geschichten zu sehen gibt. Wie zum Beispiel den alten Bahnhof, die St. Michael Kirche, das Gouverneurshaus, das ehemalige deutsche Verwaltungshauptquartier, den Platz des 4. Mais, die evangelische Kirche, die Seebrücke, aber auch die Grenzen zwischen dem ehemals deutschen und chinesischen Viertel sind noch in Teilen zu sehen. Neben den baulichen und architektonischen Erfahrungen, koppelte sich hier die Begegnung mit dem Straßen- und Marktleben der Menschen in Qingdao.
Wichtig bei den konkreten Führungen war jeweils die Darstellung und Deutung der Geschichte durch die Museen. So ist die Bewertung der japanischen Besatzung sehr vielnegativer als die der deutschen Besatzung. Nicht nur in unseren konkreten Führungen, sondern auch lesbar in den Ausstellungen. Warum ist das so? Wie wird die Anwesenheit der Deutschen zu einem positiven Ereignis? Warum wird der Kolonialismusbegriff nicht geprägt, genutzt, reflektiert? Aus welcher Perspektive wird Geschichte festgehalten und archiviert? Alles wichtige Fragen, die aus den konkreten Begegnungen entstanden sind.
Bei der gesamten Erfahrung sollte nicht vergessen werden, dass vor allem die Begegnung des künstlerischen Teams auf nicht deutschem Boden und damit eine Verkehrung der Dominanz des Deutschen Raums, eine entscheidende Grundlage für die Zusammenarbeit des künstlerischen Teams darstellte. Die Sicherheit aller Beteiligten im jeweiligen Theatersystem und künstlerischen und sprachlichen Kontext wurde aufgehoben und alle machten Fremdheitserfahrungen. Auch die Tatsache der permanenten Situation der Übersetzung führte zu entscheidenden Erkenntnissen für das konkrete künstlerische Projekt und die Frage von Perspektiven von Übersetzung, Deutung, Interpretation und der Dominanz der Personen, die entscheiden, welches Wissen mit welchen Fakten geteilt wird.
Diese konkreten Momente der Überforderung und Verwirrung sind Grundlage für die Auseinandersetzung mit Kolonialismus und damit ganz direkt verknüpften Themen nach Rassismus und Stereotypen.
Züruck
Second Research Trip to Qingdao, July 2019
The entire artistic core team consisting of 8 people travelled for an 8-day research trip to Qingdao. There, they attended a shadow theatre workshop with Cindy Choi, who is, due to her own family tradition, one of the luminaries of shadow theatre in Qingdao. The aim and content of the workshop was to experience the construction of a shadow puppet figure and to play with it, as well as to learn about the musicality of the genre, the tradition, the history and the myths of the Chinese cultural tradition associated with shadow puppetry. Based on the workshop, we decided to visit the Mount Lao in the east of Qingdao, where the important and well-known Daoist myths are located.
Other than the workshop we visited numerous museums and public places. Essential was a detailed walk through the city center of Qingdao, where there are many old buildings and stories to discover. For example the old train station, the St. Michael Church, the governor's house, the former German administrative headquarters, the Square of the 4th Mai, the Protestant Church, the pier, as well as the borders between the former German and Chinese quarters, parts of which can still be seen in the city center of Qingdao. The experience of the constructional and architectural reality overlapped with impressions of Qingdao’s street and market life.. In each of the guided tours we took, we were focused on the way history was presented and interpreted by the respective museum.. For example, the Japanese occupation was perceived much more negatively than the German occupation of Qingdao. This did not only become visible during the guided tours, but also in the exhibitions we visited. Why is it seen like that? How did the presence of the Germans become a positive event? Why is the concept of colonialism not shaped, used, reflected? From which perspective is history recorded and archived? These are important questions that arose from our tangible encounters. Within the whole experience it should not be forgotten that especially the encounter of the artistic team on non-German ground contained a reversal of the dominance of the German territory. This turned out to be a fundamental base for the cooperation among the artistic team. The security of all participants to operate with confidence in their respective theatre system and artistic and linguistic context was lifted and everyone experienced alienation. The fact of the permanent situation of translation also led to decisive insights into the context of the actual artistic project and the question of perspectives of translation, interpretation and the dominance of those people who decide which knowledge will be shared by which facts. These particular moments of excessive demands and confusion became the background for our exploration of colonialism and the directly related questions of racism and stereotypes.
Second Research Trip to Qingdao, July 2019